Sascha Günther | Physiotherapeut - Erkennst du beim ersten Blick, ob jemand ins Fitnessstudio geht?
Shownotes
„Bewegung, Bewegung, Bewegung“ – wenn Sascha Günther seinen Patientinnen und Patienten einen grundsätzlichen Rat mitgeben soll, fällt die Antwort ziemlich eindeutig aus. Seit rund 20 Jahren arbeitet er als Physiotherapeut und erlebt täglich, wie sehr Bewegungsmangel, einseitige Belastungen, langes Sitzen und inzwischen auch die intensive Smartphone-Nutzung unseren Körper beeinflussen. Doch für ihn beginnt eine gute Behandlung nicht mit einer bestimmten Technik, sondern mit einer viel einfacheren Frage: Was braucht der Mensch, der gerade vor mir sitzt?
Geboren in Kühlungsborn an der Ostsee, zieht Sascha für seine Ausbildung nach Berlin. Schon während eines Schulpraktikums hatte er erlebt, was ihn an der Physiotherapie fasziniert: mit Menschen zu arbeiten und ihnen nach Verletzungen oder Erkrankungen dabei zu helfen, Beweglichkeit und Selbstständigkeit zurückzugewinnen. Die dreijährige Ausbildung allein reicht ihm nicht. Parallel bildet er sich weiter und entscheidet früh, dass Physiotherapie für ihn mehr als ein vorübergehender Beruf sein soll.
Nach dem Examen führt ihn sein Weg zunächst ins Ausland. Weil der Berliner Arbeitsmarkt für junge Physiotherapeuten damals schwierig ist, geht Sascha nach Spanien und arbeitet dort zunächst mit älteren Menschen. Eine zufällige Begegnung auf dem Golfplatz bringt ihn schließlich sogar in den Profifußball der ersten spanischen Liga. Später arbeitet er auch in Deutschland immer wieder mit Sportlern, im Radsport und bei unterschiedlichen Fußballvereinen. Dem Fußball ist er bis heute verbunden – als Anhänger des 1. FC Union Berlin.
Heute arbeitet Sascha unter anderem als fachlicher Leiter einer physiotherapeutischen Ambulanz in einem Berliner Krankenhaus. Seine Schwerpunkte liegen in Orthopädie, Neurologie und Sport. Dabei erlebt er Patientinnen und Patienten vom Kindesalter bis ins hohe Alter. Einen „durchschnittlichen Patienten“ gebe es für ihn nicht. Gerade deshalb seien Kommunikation, Empathie und Fingerspitzengefühl so entscheidend. Denn eine Therapie könne fachlich noch so gut geplant sein: Wenn die Chemie zwischen Therapeut und Patient überhaupt nicht stimmt, wird auch die Behandlung schwieriger.
Im Gespräch mit André Puchta geht es um Rückenschmerzen, Körperhaltung, akute und chronische Beschwerden und die Frage, wann Wärme oder Kälte sinnvoll sein können. Sascha spricht über manuelle Therapie, Elektrotherapie, Atemtherapie und Akupunktur – aber auch über falsche Erwartungen, die durch spektakuläre Videos in sozialen Medien entstehen können. Nicht jede Behandlung funktioniert innerhalb weniger Minuten, und nicht jedes Knacken eines Gelenks bedeutet automatisch einen therapeutischen Erfolg. Viel wichtiger sei es, Ursachen zu verstehen und gemeinsam mit dem Patienten realistische Schritte zu gehen.
Besonders eindrücklich erinnert sich Sascha an einen Patienten nach einem schweren Schlaganfall. Zu Beginn der Behandlung war dieser weitgehend bettlägerig. Über Wochen arbeitete Sascha mit ihm – bis der Mann die Rehabilitation schließlich wieder auf eigenen Beinen verlassen konnte. Solche Erlebnisse tragen ihn auch durch schwierige Tage. Die unmittelbare Rückmeldung von Menschen, denen es nach einer Behandlung besser geht, ist für ihn einer der Gründe, warum er seinen Beruf auch nach zwei Jahrzehnten mit Überzeugung ausübt.
Natürlich gibt es daneben die Geschichten, die man in keinem Lehrbuch findet. Etwa jene aus Saschas Anfangszeit, als eine Patientin bei der Lymphdrainage über mehrere Termine nur geheimnisvoll verriet, sie arbeite „im Filmgewerbe“. Erst nach einigen Nachfragen stellte sich heraus, dass damit tatsächlich die Erwachsenenfilmbranche gemeint war – eine Erkenntnis, die den damals jungen Physiotherapeuten kurzzeitig ziemlich aus der professionellen Fassung brachte.
Was gute Physiotherapie ausmacht, welche Rolle Bewegung und Haltung im Alltag spielen, warum auch Therapeuten ständig von ihren Patienten lernen und weshalb Fehler am Anfang eines Berufslebens kein Grund zum Verzweifeln sind – darüber spricht Sascha Günther in dieser Folge von „Schüchtern bis nüchtern“. Sein Rat an den Nachwuchs ist dabei ebenso schlicht wie überzeugend: zuhören, mit den Menschen reden, neugierig bleiben und weitermachen.
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